Spannend bis zum letzten Moment der Transportreise vom niederrheinischen Emmerich bis Kazincbarcika in den Bökk-Bergen der nordungarischen Mittelgebirgskette blieb die Abwicklung eines Anlagenprojekts, das die auf Schwertransport und Projektlogistik spezialisierte Riedl-Gruppe in Hagen im Auftrage des Anlagenbauers Uhde GmbH durchführte. In den ersten Januartagen 2002 lag der Rolf Riedl GmbH in Hagen die Anfrage des Dortmunder Anlagenbauspezialisten Uhde über den Transport von drei großen Komponenten eines rund 200 Tonnen schweren Oxychlorid-Reaktors mit Stücklängen von 6 bis 15 m und Durchmessern von 4,60 bis 4,75 m vor. Bereits im Februar 2002 machten sich die Riedl-Spezialisten an die Ausarbeitung einer Machbarkeitsstudie, untersuchten, kalkulierten und fanden eine intermodale Transportroute per Binnenschiff und Schwerlast-Lkw, die vom niederrheinischen Binnenhafen Emmerich diagonal quer durch Europa führte. Die Einbindung der Binnenschiffahrt in integrierte Schwertransport-Logistikkonzepte ist für die Riedl-Gruppe inzwischen nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern entgegen mancher landläufigen Zurückhaltung zu einer technisch effizienten und ökonomisch sinnvollen Komponente entwickelt worden. Der transporttechnisch schwierigste Teil der kombinierten Transportroute mußte im landwärtigen Nachlauf in Ungarn bewältigt werden, wo mehrere hundert tief hängende Versorgungsleitungen für Telefon, Strom und Kabelfernsehen wegen der zu erwartenden Transporthöhe vorübergehend abgebaut, also unterbrochen, oder angehoben werden mußten und zu schwache Brücken zu überbauen waren. Im späteren Fertigungsverlauf der Anlage ergaben sich, wie Nachfragen bei dem von Uhde beauftragten Lieferwerk Winkels in Kleve bestätigten, größere Abmessungen des in drei Teile zerlegten Reaktors. Daraus resultierten erhöhte Anforderungen an die Transportdurchführung, und da in der Zwischenzeit von fast anderthalb Jahren bis zum avisierten Termin der Versandbereitstellung Ende Mai 2003 vergangen waren, inspizierten Uhdes Senior Shipping Coordinator Helmut Boedecker, der für diesen Transport in der Riedl-Gruppe beauftragte Projektleiter Erwin Jüdith und Zoltan Tuba von Riedls ungarischem Vertragspartner Ovit noch einmal die geplante Landtransportstrecke. Zu recht, wie sich zeigte, denn in der Stadt Miskolc war eine relativ niedrig angelegte Fußgängerbrücke zu einem Einkaufszentrum errichtet worden, die nicht mehr unterfahren, sondern auf einem größeren Umweg umfahren werden mußte. Nachdem Winkels-Versandleiter Helmut Mülders die Versandbereitschaft zum 27. Mai 2003 bestätigte, begann der Roll-out aus dem Werk in Kleve um 14 Uhr mittags. Noch um 22 Uhr am gleichen Tag konnten die Spezialisten der Rolf Riedl GmbH den Umschlag der drei Reaktor-Komponenten im Niederrheinhafen Emmerich in das gecharterte Binnenmotorschiff "Danny" unter Einsatz von zwei Mobilkranen von je 300 Tonnen Tragkraft arrangieren. Kurz nach Mitternacht waren alle drei Teile unter Deck der "Danny" sicher verstaut. Exakt 14 Tage benötigte das Schiff für eine problemlose Reise quer durch Europa über den Rhein, Main-Donau-Kanal und die Donau bis in die ungarische Hauptstadt. Nach Eintreffen am 10. Juni, pünktlich nach Pfingsten, konnte unverzüglich mit der Entladung begonnen werden, da die Mitarbeiter von Riedls Vertragspartner Ovit alles zeitgerecht vorbereitet hatten. Ein 150-Tonnen-Schwimmkran übernahm den Umschlag und das Absetzen der Teile auf drei bereitgestellte Tieflader. Das Oberteil des Reaktors war mit 41 Tonnen bei Abmessungen von 11,50 m Länge und einem Querschnitt von 5,20 x 4,90 m das leichteste, während das Mittelteil mit 107 Tonnen bei Maßen von 16,00 x 5,30 x 4,90 m das größte Gewicht aufbrachte und auf einem zwölfachsigen Schwerlasttrailer mit einer Ladepritschenhöhe von 70 cm verladen werden mußte. Daraus ergab sich eine Transporthöhe von 5,60 m, die bei Durchfahrten vieler Ortschaften durch den erforderlichen Abbau von Hoch- und Oberleitungen für Verzögerungen sorgte. Für den Transport des Fußteils des Reaktors mit 54 Tonnen Gesamtgewicht bei Abmessungen von 7,60 x 4,80 x 4,90 m konnte ebenso wie für das Oberteil ein leichterer Tiefbett-Trailer eingesetzt werden; dadurch konnte die Transporthöhe etwas niedriger gehalten werden. Noch am Entladetag 10. Juni startete der Konvoi pünktlich um 23 Uhr im Hafen von Budapest - früher darf ein solcher Großtransport das Stadtgebiet nicht durchfahren. Die Fahrzeugkolonne bestand aus den drei Schwerlasttrailern mit je einer Zugmaschine, begleitet von je einem Sicherungsfahrzeug BF2 mit Blinkleuchten und je einem Mannschaftswagen mit jeweils fünf Mann Besatzung, einem Führungsfahrzeug, einem Schlußwagen und zwei Polizeieskorten. Doch schon an der Hafenausfahrt stieß der aus 13 Fahrzeugeinheiten bestehende Konvoi auf ein erstes unerwartetes Hinderniß: Ein verkehrswidrig geparkter Sattelzug, dessen Fahrer auch durch die Polizei nicht ausfindig gemacht werden konnte, erzwang für die Fahrer der Schwerlasteinheiten unter großem Zeitaufwand ein vielfaches Rangieren, um dieses Hindernis beschädigungsfrei außerhalb der Fahrbahn zu umfahren. Danach lief zunächst alles planmäßig: |  Entladen der MS "Danny" in Budapest mittels 150 to Schwimmkran
 Durchfahren des Chemiewerks "Borsodchem" mit dem Mittelteil (16,00 x 5,30 x 4,90 m 107,0 to)
 Aufstellen des Mittelteils (107 to) im Werk Borsodchem mit Hauptkran 400 to und Nachführkran 150 to
Nach einigem Kreuz und Quer durch die Stadt gelangte die Fahrzeugkolonne auf eine Ausfahrt, die parallel zur Autobahn M3 verlief, welche man wegen der Transporthöhe Teil nicht benutzen konnte. Nach einigen Kilometern freier Fahrt war bei Gödöllö ein Bahnübergang zu passieren, dessen Oberleitungen wegen der Transporthöhe vorübergehend abgeschaltet werden mußten, eine Unterbrechung der Fahrt um 45 min. Nach weiteren 38 km war die Ortschaft Bag um 6 Uhr früh erreicht, wo der Konvoi auf einem gesicherten Parkplatz seine erste Etappe beendete. Am gleichen Abend durfte die Fahrzeugkolonne die Reise schon um 19 Uhr fortsetzen, da man außerhalb der Ortschaft geparkt hatte. Zeitweilig kam der Konvoi nur schrittweise voran, da etliche tiefliegende Oberleitungen für Strom, Telefon und Kabelfernsehen vorübergehend demontiert oder angehoben werden mußten. Dann ein erneuter Stopp von einer Stunde an einem Bahnübergang, der die Abschaltung und den vorübergehenden Abbau der Starkstrom- und Signalleitungen erforderte. Bald danach war das größte Handicap dieser Transportroute erreicht - eine Brücke die nur für 6 Tonnen Achslast zugelassen war. Nun wurde durch einen Mobilkran und extra Montagepersonal eine dort von der Firma Ovit vorab bereitgestellte provisorische Brücke über dieser Brücke freitragend aufgebaut. Nach zwei Stunden Montage konnten die Schwerfahrzeuge im Schneckentempo diese selbsttragende Stahlbrücke überfahren und den Transport fortsetzen. Weiterhin wurden viele Ortschaften passiert, durch die die Fahrzeuge nur im Schrittempo vorankamen, weil zahlreiche Oberleitungen demontiert und angehoben werden mussten. Schon um 4.30 Uhr endete diese zweite Etappe bei Emöd, 17 km vor Miskolc, da absehbar war, daß dieser größere Ort nicht vor 6 Uhr passiert werden konnte. Schon um 19 Uhr wurde die letzte Etappe gestartet. Nach ein paar Kilometern mußte die Hauptstraße verlassen werden, und der Konvoi bewegte sich auf Nebenstraßen durch viele kleinere Orte, deren Bevölkerung bei den hochsommerlichen Nachttemperaturen um 25°C zum Teil in Nachtbekleidung Spalier stand - nicht nur, um den ungewöhnlichen Großtransport zu bestaunen, sondern auch, weil die Strom-, Telefon- und Fernsehversorger die Leitungen vorübergehend abgeschaltet bzw. demontiert hatten. Am letzten Bahnübergang wurde eine Unterbrechung von nahezu zwei Stunden erzwungen, da für diese vielbefahrene Bahntrasse ein ausreichendes, wenn auch nur sehr begrenztes Zeitfenster für die Passage der Fahrzeugkolonne gesichert werden mußte. Nachdem in Miskolc eine Schilderbrücke von einem Mobilkran angehoben werden mußte, um die Schwerfahrzeuge passieren zu lassen, und noch weitere Versorgungsleitungen abgebaut und wieder installiert werden mußten, erreichte der Konvoi um 1.20 Uhr das Tor 4 des Empfängerwerks in Kazincbarcika. Das Werkspersonal wies die Trailerfahrer an, die Schwerfahrzeuge in Position zu fahren und für die Entladung abzustellen. Um 2 Uhr nachts des dritten Tags dieses Landtransports und nach 17 Tagen Gesamtlaufzeit konnte dieses Transportprojekt unter ständiger Begleitung des Riedl-Teams damit termingerecht und beschädigungsfrei abgeschlossen werden. Riedls Projektleiter Erwin Jüdith blieb vor Ort bis alle drei Komponenten des Oxychlorid-Reaktors durch zwei Mobilkrane abgeladen und auf dem Fundament aufgestellt und montiert worden waren. |